Grenzerfahrung 3.0 – Vormittag

Mittwoch, 2. Dezember 2015 08:00-13:00 Uhr

Idomeni in Griechenland, ein kleines Grenzdorf mit einem Güterbahnhof, einem Lebensmittelhändler und einer Handvoll Häuser. Die nächste größere Stadt ist Gevgelija auf mazedonischer Seite, die Provinzhauptstadt Thessaloniki ist 70 km entfernt.

Als wir das Lager erreichen, welches im Bahnhof auf und neben den Geleisen liegt, fällt ein durchdringender giftiger Gestank nach verbranntem Kunststoff auf, der wie wir später herausfanden, von brennenden Bahnschwellen stammt. Das Carbolineum mit welchem die Schwellen getränkt sind, ist stark Arsenhältig und darf in der Nähe von Menschen und Lebensmitteln weder gelagert schon gar nicht verbrannt werden. Für die gestrandeten Flüchtlinge sind Feuerstellen mit diesem giftigen Holz jedoch die einzige Möglichkeit, sich in den kalten Nächten aufzuwärmen.

Die Stimmung ist bedrückend, unzählige Menschen halten sich in großen Zelten der UNHCR und Ärzte ohne Grenzen auf, zusätzlich gibt es hunderte kleine Campingzelte, direkt an und zwischen den Gleisen, in der lokalen Müllhalde und auf den Feldern, in denen 2500 Menschen ausharren. Zwischen den Zelten spielen Kinder Fußball. An mehreren Stellen stehen kleine Stromgeneratoren an denen unzählige Netzverteiler hängen, hier werden Handys aufgeladen. Griechische Händler verkaufen Lebensmittel zu günstigen Preisen, aber für viele Menschen hier, trotzdem unbezahlbar.

Vor dem Zaun der seit wenigen Tagen Griechenland und Mazedonien wieder trennt, sitzen einige Flüchtlinge auf den Schienen und warten, viele haben die ganze Nacht durchgehalten; ein Sitzstreik um auf ihre Situation hinzuweisen.

Hinter dem Zaun bereiten sich mazedonische Soldaten auf den kommenden Tag vor. Einige Geländewagen, zwei Schützenpanzer, ein großer Wasserwerfer, martialisches Auftreten zum Schutz der EU.

Die mazedonische Regierung hat die Grenzen komplett dicht gemacht, nur mehr Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan dürfen nach Serbien durchreisen. Sie werden von den griechischen Behörden in Bussen über den offiziellen Grenzübergang außer Landes gebracht.

Perser die vor dem Mullah-Regime flüchten mussten, Pakistani aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan, die vor dem Terror der Taliban und der US-amerikanischen Drohnen flüchten mussten, Nepalesen die durch das große Erdbeben alles verloren und vor dem Nichts standen, kommen nicht mehr weiter.

Später am Vormittag verändert sich die Lautstärke, etwa zweihundert Flüchtlinge versammeln sich am Rand des Lagers und ziehen kurz darauf unter Sprechchören weiter zum Grenzzaun. Die mazedonischen Soldaten werden nervös und verbarrikadieren den letzten Durchgang. Statt Schlagstöcken halten sie Sturmgewehre hinter den Schildern. Der Wasserwerfer fährt auf und zielt auf die Menschen auf griechischer Seite.

Die griechischen Polizisten halten sich im Hintergrund zurück.

Zwei kleine Kinder werden hochgehalten, eines vielleicht zwei Monate alt, es blickt interessiert in die Menge. Die Demonstranten drängen zum Ausgang, die griechische Polizei nimmt Stellung vor den mazedonischen Soldaten auf, sie sind mit Schildern ausgerüstet, die Schlagstöcke bleiben weggesteckt.

Einige Flüchtlinge versuchen die Demonstranten zu beruhigen, stellen sich vor die Menge, versuchen alles um eine Eskalation zu vermeiden. Teilweise mit Erfolg, aber immer mehr Leute drängen nach vorne, es wird lauter, die Stimmung droht zu kippen. Die griechische Polizei drängt nun die Menge zurück,  es ist spürbar, nur ein Funken genügt um hier ein großes Drama an Europas Grenze auszulösen.

Die Lage beruhigt sich so aber so plötzlich wie sie kurz zuvor außer Kontrolle geraten ist. Das ist vor allem auf einige Flüchtlinge zurück zu führen, welche sich der wütenden Menge entgegenstellten.

Wenig später stellen sich die Flüchtlinge zur Suppenausgabe an. Das Lager ist wieder ruhig.

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